Kōenji – Kampf gegen die Gentrifizierung in Tokyo

Kōenji ist ein relativ kleiner Stadtteil im Westen Tokyos, angesiedelt im Bezirk Suginami. Auch internationale Bekanntheit erreichte der Bezirk in den letzten Jahren vor allem dadurch, dass er als Tokyos Zentrum unangepasster und widerständiger Subkulturen gilt. Mit der Einzigartigkeit Kōenjis könnte es in der nahen Zukunft jedoch vorbei sein, schließlich plant die Bezirksverwaltung den Umbau großer Teile des Viertels. In Kōenji regt sich dagegen Protest.

Kōenji liegt im Westen Tokyos, inmitten des Bezirks Suginami. Zusammen mit dem zu Fuß in wenigen Minuten erreichbaren Stadtteil Asagaya gilt dieser Bereich Tokyos seit den 80ern als eine der Hochburgen unangepasster Subkulturen und der damit einhergehenden Lebensentwürfe. Es gibt eine Vielzahl von Punk-Kneipen bzw. „Livehouse“ genannten Konzerthütten, die meisten davon spezialisiert auf alternative Musik. Schallplatten-Stores, DIY-Kleidergeschäfte, Second-Hand-Stores, Obskuritätenläden und eine Vielzahl an teilweise schon über Jahrzehnte bestehenden Kneipen runden das Bild ab. Spaziert man durch die Straßen Kōenjis, wird der Unterschied zwischen zu herausgeputzten Konsumhochburgen wie Shibuya schnell sichtbar: Weitaus mehr Punks, Hippies, Hipster, StraßenmusikerInnen, alte Bausubstanz und sehr viel Leben auf der Straße.

Eine der wichtigsten AkteurInnen außerparlamentarischen, autonomen linken Aktivismus in Kōenji ist das Netzwerk „Aufstand der Amateure“, auf Japanisch Shirōto no Ran. Es wurde 2005 gegründet und ist einerseits eine bewegungslinke Gruppe, welche ideologisch am ehesten mit westlichen Autonomen vergleichbar ist . Andererseits ist der Aufstand der Amateure auch ein Netzwerk von verschiedensten kleinen Geschäften, Bars, Kulturzentren und sogar einem selbstverwalteten Hostel. Gemein ist all diesen Locations, dass sie ihren BetreiberInnen, welche zu einem großen Teil selber AktivistInnen und/oder gesellschaftliche „Droputs“ sind, einen Lebensgrundlage bieten. Weiters sind diese kleinen Läden auch Anlaufpunkte für unangepasste Menschen, sie prägen mit ihrer DIY-Ästhetik das Stadtbild und verkaufen ihre Waren oftmals zu Preisen, welche auch für ärmere Menschen leistbar sind. Ebenso findet man in diesen Geschäften auch eine Arbeit, wenn man etwa stark tätowiert und gepierct ist, was in Japan noch immer stark tabuisiert ist. Kurz gesagt – in Kōenji hat sich ab den frühen 80er Jahren eine kleine, solidarische Alternativwirtschaft entwickelt, welche AussteigerInnen aus dem japanischen Hyperkapitalismus zumindest ein wenig Luft zum Atmen gibt.

Absehbare Folgen des Umbaus Kōenjis

Laut dem Sprecher von „Aufstand der Amateure“, Hajime Matsumoto, ist es nicht der erste große Versuch die kleinen Einkaufsstraßen Kōenjis einem Umbau zu unterziehen. Schon in den 80ern gab es Pläne, welche jedoch dank Protesten der AnwohnerInnen vorläufig auf Eis gelegt wurden. Daraufhin wechselte die Zuständigkeit für den Gebietsumbau von der Stadtverwaltung hin zum Bezirk Suginami, in welchem sich Kōenji befindet. Nichtsdestotrotz holte die Tokyoter Stadtverwaltung die alten Pläne wieder aus der Schublade und versucht sie diesmal zusammen mit dem Stadtbezirk umzusetzen.

Was die Umbaumaßnahmen konkret bedeuten würden, ist in öffentlich einsehbaren Plänen der Suginamier Bezirksverwaltung einsehbar. Herzstück ist der Bau einer breiten Straße mitten durch den Bezirk. Bisher stehen an dieser Stelle eine Vielzahl an kleinen, teilweise schon seit Jahrzehnten bestehenden Geschäften, Hipster-Cafes, Gemischtwarenläden, DIY-Klamottenshops und subkulturellen Orten. Dass diese Geschäfte die Stadtumbaumaßnahmen überleben würden, ist mehr als unwahrscheinlich.

Hajime Matsumoto befürchtet, dass aus Kōenji ein „Mini-Shinjuku“ oder auch „Mini-Shibuya“ gemacht wird. Insbesondere Shinjuku ist ein Beispiel eines rigoros durchgezogenen Sanierpungsplans. War es es bis in die 60er Jahre hinein noch das Zentrum sowohl von Sub- und Counterkulturen einerseits sowie auch der Tokyoter Unterwelt, ist es heute eines DER Touristenzentren und der Kommerzialisierung. Zwar sind Subkulturen und die Unterwelt in Shinjuku immer noch anzutreffen, sind größtenteils aber nur noch Überbleibsel aus früheren Tagen.

Weitere Befürchtungen sind auch der exzessive Bau von hohen Gebäuden an den Seiten der neuen Straße, was wie eine Mauer wirken und den Bezirk quasi in zwei Hälften teilen würde. Mit dem weiters zu erwartendem Anstieg der Mietpreise würden auch viele bisherigen BewohnerInnen aus Kōenji gedrängt werden.

Ein weiteres Merkmal über Kōenjis ist auch seine Internationalität. Nicht die Touristische Internationalität, welche etwa in den Touri-Hotspots wie Shinjuku, Shibuya oder Asakusa sieht, sondern eine mit dem Bezirk verwurzelte. Hajime Matsumoto erklärt diese damit, dass viele AusländerInnen verwundert über Kōenjis Charakter sind – hier seien die Straßen lebendiger, man hat nicht das Gefühl, dass das Lebe der Menschen von elendst langen Arbeitszeiten und Anpassung bestimmt ist. Matsumoto spricht weiters davon, dass es den vielen ausländischen BesucherInnen, die das erste mal nach Kōenji kommen „Stammgäste“ werden bzw. sie sich letztendlich sogar dort ansiedeln.

Comic von Hajime Matsumoto

Ich kann ihm dabei nur recht geben. Auch ich kam 2015 das erste mal nach Kōenji und verbrachte in den nächsten Jahren extrem viel Zeit dort. Und auch ich plane letztendlich einen Umzug in dieses bezaubernde Stück Tokyo.

Vielschichtige Unterstützung des Protests

Die Demonstration als solche wurde nicht nur von „Aufstand der Amateure“, sondern auch von anderen Initiativen im Viertel getragen. So etwa die Anti-Gentrifizierungs-Initiative „Save the Shimokitazawa“ aus dem gleichnamigen Tokyoter Stadtteil, weitere bedrohte Projekte wie das linke Cafe „Berg“ welches mitten im Konsumtempel des Bahnhof Shinjuku angesiedelt ist, sowie letztendlich das kurz vor der Räumung stehende selbstverwaltete StudentInnenheim „Yoshida Ryō“ in Kyōto. Auch die HändlerInnenvereinigung der Kita Naka Dōri-Einkauffstraße war mit ihrem Chef Masaaki Saitō (斉藤正明) vertreten.

Seitens etablierter politischer Parteien gibt es ebenfalls Widerstand gegen die Gentrifizierungspläne. So nahmen an der Demo und/oder an der darauffolgenden Podiumsdiskussion im autonomen Freiraum „TKA4“  auch die Bezirksabgeordneten Kentarō Sekiguchi (関口健太郎) von der linksliberalen Konstitionell-Demokratischen Partei, weiters Akira Harada (原田あきら) und Taku Tomita (富田たく) von der komunistischen Partei und letztendlich noch Tomoko Ichiki (市来とも子) von den SozialdemokratInnen teil.

Einige Tage wurden von Kentarō Sekiguchi zur Causa auch einige Fragen eingebracht. Seitens des Bezirksbürgermeisters, Ryō Tanaka (田中良) von der Demokratischen Partei, gab es nur die Antwort, dass man „nicht vorhat, die Umgestaltungspläne in Kōenji zu überdenken“.

Die Demo

Die Anti-Gentrifizierungs-Demo in Kōenji startete am Nachmittag des 23.9. Ausgelegt war das ganze weniger als eine „klassische“ Demo, sondern als Musikparade. In Japan wird diese Aktionsform „Sound-Demo“ bezeichnet wurde seit den 80ern vor allem innerhalb von Counterkulturellen Zusammenhängen benutzt, welche sich der von oben aufoktroyierten „typisch japanischen“ Lebensweise des „Schule-Arbeit-Heirat“ nicht anpassen konnten oder wollten.

Etwa 2-300 Menschen versammelten sich letztendlich zur Demo. Nach einigen Redebeiträgen spielten verschiedene Bands und DJs legten auf dem Soundwagen auf. Trotz der kleinen TeilnehmerInnenzahl und der explizit friedlichen Stoßrichtung wurde der Protest von hunderten PolizistInnen begleitet, welche die Demonstration im engen Spalier begleiteten, die DemonstrantInnen beschimpften und provozierten. Letztendlich kam es zu zwei Festnahmen, einer der Festgenommenen war Gō Murakami (村上豪), seines Zeichens Sänger der Anarchopunkband „Punkrocker-Gewerkschaft“ (パンクロッカー労働組合). Durch die Hilfe eines solidarischen Anwalts wurden beide Gefangenen mittlerweile ohne Anzeige freigelassen.

„Die Strasse gehört uns“ als Plakataufschrift. Bildquelle: @nobu02231

 

Bildquelle: @galbraithian999 

Bildquelle: @KiyoFortySix

 

Video von der Festnahme

Laut „Aufstand der Amateure“ soll es nicht die lezte Demo dieser Art gewesen sein. Interessant wird die weitere Entwicklung vor allem wegen der Frage, wie die Stadt Tokyo auf die Proteste reagiert. Aufgrund der bevorstehenden olympischen Spiele im Jahr 2020 befinden sich große Teile Tokyos derzeit in einem Umstrukturierungsprozess. Nicht nur wird Platz geschaffen für weitere Konsummöglichkeiten wie etwa Einkaufszentren, damit verbunden ist auch die Vertreibung von Menschen, welche nicht in das Bild einer herausgeputzten, touristInnenfreundlichen High-Tech-Metropole passt. Im Jahr 2017 wurde etwa der seit Jahren von Obdachlosen und linken AktivistInnen besetzte Miyashita-Park im Stadtviertel Shibuya geräumt. An seiner Stelle entsteht jetzt ein „Nike Park“ – ein Paradebeispiel für die Privatisierung und Kommerzialisierung öffentlichen Raums.

Ein Gedanke zu „Kōenji – Kampf gegen die Gentrifizierung in Tokyo“

  1. Sehr geehrter Herr Gregor Wakounig, vielen Dank für diesen Bericht! Habe auch Ihre Übersetzung von William Andrews gelesen – gern würde ich einmal mit Ihnen per E-Mail in Kontakt treten (außerhalb dieses Blogs).
    Beste Grüße
    Steffi Richter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.