Sanya. Tokyos Unterseite.

Gefühlsmässig irgendwo zwischen verblassendem 70er-Jahre-Arbeiterchic, betrunkenem Sandlertum und anarchistischen Squats angesiedelt, hab ich mich in Tokyos Armeinviertel Sanya (山谷) begeben und dort an einem Workshop mit Obdachlosen-AktivistInnen und einer Armenspeisung teilgenommen.

Zwischen Ueno und Asakusa, zwei Säulen des Tokyoter Tourismus und auch zwei der repräsentativsten Orte wenn es um japanischen imperialen Kitsch und Pomp geht, liegt Sanya. Ein Viertel, das man in Reiseführern und auch auf den meisten Landkarten nicht finden wird können. Was einem wohl als erstes auffällt, wenn man durch Sanya schlendert sind auffallend viele Statuen, Aufschriften und Plakate der Mangaserie „Ashita no Joe“ (zu Deutsch: Joe von morgen) drehen. Der Hauptprotagonist der Serie, „Joe“, ist selber in Sanya aufgewachsen und kämpft sich im Laufe der Story heraus aus dem Elend. Nicht nur dass „Ashita no Joe“ zu den ganz ganz großen Meilensteinen japanischen Nachkriegsliteratur gehört, es gehört ob seiner rotzigen anti-Establishment-Aussage auch bis heute zu den innerhalb der radikalen Linken am meisten rezipierten Mangas.

Doch ich bin nicht nach Sanya gekommen um mir „Ashita no Joe“-Romantik zu geben. Die Grund war die Einladung einer Freundin zum sogenannten „Takidashi“ (炊き出し), was mit „Armenspeisung“ übersetzt werden kann, jedoch nicht wirklich mit europäischen Obdachlosenküchen vergleichbar ist. Doch dazu in Kürze. Vor dem eigentlichen Gekoche gab es nämlich im einen Vortrag mit Diskussion von in Sanya lebenden Tagelöhnern und AktivistInnen im Arbeiterwohlfahrtsgebäude (山谷労働福祉会館). Von linken und oft anarchistisch orientierten AktivistInnen verwaltet, erinnert das Gebäude mit seinem Chaos und den vielen Plakaten und Transparenten an ein anarchistisches Squat. Es war rappelvoll und wir bekamen nur mit Mühe überhaupt noch einen Platz. Vorne saß eine Gruppe alter Männer, welche teilweise schon seit Jahrzehnten in Sanya wohnten und von ihrem Leben als Tagelöhner und Obdachlose erzählten.

Etwa die Geschichte, wie es einen denn überhaupt nach Sanya verschlag: Er wuchs in einem schlechten Elternhaus auf und hatte keine gute Bildung, weswegen es auch nicht allzu einfach war eine Arbeit zu bekommen. Er hatte kein Geld um sich etwas zu Essen zu kaufen, aber hörte, dass es in Sanya „Takidashi“, also Armenspeisungen gibt. Da es hier auch Arbeit als Tagelöhner gab, blieb er halt erstmal. Bis heute…

Ebenfalls hochinteressant waren die Geschichten über das Verhältnis der Obdachlosen zur Polizei und Yakuza (japanische Mafia). Beide wurden und werden von den Obdachlosen und Tagelöhnern Sanyas gehasst. Die Polizei klarerweise, da sie illegal errichtete Zeltstädte regelmäßig räumen ließ, die Yakuza dewegen weil sie einerseits mit den städtischen Behörden gemeinsame Sache machte und diejenigen Schikanen gegen Obdachlose unternahm für die sich die Polizei zu schade war. Andererseits, da sie traditionell fester Bestandteil der japanischen Baumafia ist und dadurch an der Ausbeutung der hauptsächlich als Bauhackler arbeitenden Tagelöhner mitbeteiligt war. Die Rede war also von gewalttätigen Auseinandersetzungen, insbesondere mit der Polizei – oft auch mit hörbarem Stolz, wie man hie und da einen Polizisten umhauen konnte. Als man noch jung war…

In Sanya findet man heute die letzten Überbleibsel der einst so stolzen japanischen Obdachlosenbewegung. Eine Bewegung, welche durch die Jahre hindurch die bei weitem radikalste und, ich wage es zu sagen, auch militanteste in ihren Mitteln war. Bekannt sind etwa die teils Tagelang andauernden Straßenschlachten in Osakas Elendsviertel Kamagasaki, von welchen die letzte im Jahr 2008 stattfand. Hier ein Video der wohl schwersten Krawalle aus dem Jahr 1990.

Was die Bewegung der japansichen Obdachlosen im Vergleich zu ihren in der Wahl der Mittel nicht minder militanten K-Gruppen auszeichnete, war schlicht und einfach der Grad der Spontanität und der ideologischen Unverbrämtheit. Wirkte die politisch motivierte Gewalt seitens orthodox-sozialistischer Gruppen oft gezwungen und aufgesetzt, quasi wie ein Mittel zur Abzahlung der imaginären Revolutionssteuer, waren die Obdachlosenaufstände ein anarchischer und wilder Ausdruck der Verzweiflung des Lumpenproletariats. Es ging nicht um das hehre Ziel der Revolution, sondern schlicht gegen die Polizei und andere Autoritäten, die die Obdachlosen und Tagelöhner schikanierten. Durch die Transformation der japanischen Wirtschaft von einer vom Wiederaufbau und einer „ho-ruck-auf-geht’s“ geprägten Mentalität nach dem Krieg hin zu einem auf Servicejobs orientierten Arbeitsmarkt ist das Tagelöhnertum ala Sanya heute nur noch ein Schatten seiner Selbst. Zum Großteil sind es alte Männer, die so noch ihr auskommen finden. Und de Facto war der jüngste der Tagelöhner bei der Diskussion im Arbeitswohlfahrtshaus in seinen Vierzigern.

Nicht, dass es TagelöhnerInnentum und prekäre Arbeitsverhältnisse heute in Japan nicht mehr gibt (ganz im Gegenteil), jedoch hat sich die Rekrutierung des Prekariats für den Arbeitsmarkt heutzutage von der Straße auf das Smartphone verlagert. Oder anders gesagt: Wieso am ArbeiterInnenstricht herumstehen, wenn es dafür doch eine App gibt.

Nach der Diskussion ging es einige Straßen weiter zur Takidashi, also zur Armenspeisung. Das interessante hierbei ist, dass sie mit den Obdachlosen gemeinsam organisiert wird. Zuerst wird auf einer Tafel durchgesagt was alles an Zutaten da ist, danach melden sich einzelne Menschen oder auch Gruppen für die jeweiligen Aufgaben. Flugs wurden einige meterlange Tische aufgestellt und schon war ich dabei kiloweise Rettich in keine Stücke zu schneiden, während ich mich mit einem pensioniertem Uniprofessor unterhielt. Rund im mich wurde geputzt und geschnitten was das Zeug hält und danach in riesige Kochkessel geschmissen. Die standen auf eigens herbeigeschafften Gestellen. Lange Zeit wurde nämlich einfach am Boden, inmitten der damals noch großen Zeltstadt-Slums ein Feuer gemacht, doch die Polizei nahm auch dies als Vorwand um repressiv einzuschreiten.

Während das Essen also vor sich hinkochte, teilte ich meine Zigaretten mit einem alten Mann mit einem wunderschönen Bart der ihm gefühltermaßen bis zum Bauchnabel reichte. Er fing an, mit Bilder zu zeigen. Skizzen und Kohlezeichnungen. Von Indonesien. Und Laos. Australien, China, Vietnam. Alles selbst angefertigt. Lange Jahre vagabundierte der Gute nämlich durch die Welt und das Zeichnen war ihm immer schon wichtig. In Japan wollte er sich nie ine Armee der Überstunden-Lohnarbeitssklaven einreihen und verbrachte seine Zeit in den damals noch zahlreicheren Obdachlosen-Slums der Stadt. Und ja, er fertigte auch Bilder davon an. Dutzende, hunderte. Ich konnte es kaum glauben, was ich da zu sehen bekam. Ich fragte ihn, ob ich denn die Bilder fotografieren dürfte und bekam ein enthusiastisches „Ja“ als Antwort. Da es während der Armenspeisung nicht erwünscht war Bilder zu schießen, nehme ich die Bilder des leider namenlosen Künstlers für diesen Artikel.

Einige hundert Obdachlose und Tagelöhner versammelten sich nachdem das Essen fertig war. Kein „Reis mit Scheiss“ und auch keine vegane Pampe, sondern eine ordentliche Fischsuppe, ordentlicher Reis mit viel Gemüse und anderem Zeug und große Portionen. Daneben verteilten die Anarch@s von der Arbeiterwohlfahrt ihre Zeitschriften und hie und da wurde mit einem Bierchen angestoßen. Und das, obwohl es Ende Dezember und wirklich Saukalt war.

Wer sich für Sanya interessiert, dem/der empfehle ich ausdrücklich NICHT Elendstourismus zu betreiben und „mal so“ dorthin zu schauen. Am besten ist es, ihr setzt euch vorher mit den AktivistInnen des Arbeiterwohlfahrtsheims in Verbindung.

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