Idols im Birdland

In Sendai, der Stadt in der ich lebe, gibt es eine kleine, aber feine Underground-Szene. Punks, Rastas, Skinheads, das ganze „asoziale arbeitsscheue Gesindel“ trifft sich dort vornehmlich in Plätzen wie dem „Birdland“. Neben einer erstklassigen Metal/Punkband sah ich dort auch die Punk-Version von Babymetal.

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Meine Uni, die Tohoku Universität in Sendai, gehört zu den besten Japans. Insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich wird hier großes geleistet. Physik, Mathematik, Chemie und wie sie alle heißen. Nun mag die Uni für FreundInnen des gepflegten Zahlenspiels der ideale Spielplatz sein – Gegenkultur und Nonkonformismus muss man schon mit der Lupe suchen. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie scheinen die ganzen MINT-Studiengänge immer eine große Anzahl an Leuten anzuziehen, die sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen wollen.
Für mich stand also relativ bald nach meiner Ankunft im schönen Sendai fest, dass die wahren Schätze dieser Stadt nicht am Unicampus vergraben liegen. Ich hörte schon im Voraus von einem Platz Namens „Birdland“. Ein sogenanntes „Livehouse“ (ライブハウス) – so werden in Japan schlicht und einfach Orte genannt, in denen Konzerte stattfinden. Falls ihr mal in Japan seid und auf ein Konzi gehen wollt, empfiehlt sich die Suche per diesem Wort.

Das erste mal im Birdland war ich kurz nachdem mein Semester angefangen hatte. Es war ein ganztägiges Hardcore-Konzert und ich kam sternhagelvoll und mit einem Haufen neuer Facebook-Kontakte und erleichtert, dass mein Japanisch zumindest für simple Gespräche ja eh reicht, nach Hause. In den letzten Wochen wurde das „Birdland“ dann mein Stammplatz. Es ging mir oft sogar weniger um die Bands an sich, sondern viel mehr um die Leute die dort ein und aus gehen. Punks, Hippies, Hip-Hopper und so weiter und so fort. Kurz gesagt – alles was sich so im subkulturellen Untergrund sammelt. Und Punk in Japan zu sein ist wahrscheinlich schwerer als in vielen anderen Ländern, zumindest aber ist es schwerer als in Europa.
In Japan wird erwartet dass man ohne Tadel dem „japanischen Weg“ folgt. Schule-Uni-Arbeit-Heirat-Familie. Wer aus dieser Rolle fällt, findet kaum oder nur sehr schwer wieder zurück in das japanische Zwangskollektiv. Der Joke an der Sache ist, dass es in Japan im Gegensatz zu vielen westlichen Staaten kaum alternative Räume gibt in denen man alternative Lebensweisen ausprobieren kann bzw. Strukturen aufbaut die es einem/einer ermöglichen abseits der Norm zu leben.
Sehr, sehr viele der regulären BesucherInnen des „Birdland“ sind beispielsweise tätowiert – nichts ungewöhnliches für Punks. Tattoos in Japan sind aber immer noch in weiten Teilen der Gesellschaft ein Tabu. Man sollte es tunlichst vermeiden seinem/r ArbeitgeberIn zu erzählen, dass den Rücken ein Tribal und die rechte Schulter ein „Mama-Herzl“-Tattoo ziert. Auch Piercings, offen zugegebener Drogenkonsum, linksradikale Ansichten und selbst gewählt Arbeitslosigkeit – alles Sachen, die im Birdland gang und gäbe sind.
Es braucht nicht viel um aus der japanischen Gesellschaft herauszufallen. Und manche Menschen, wie etwa die Jungs und Mädels vom Birdland, machen daraus eine Tugend.

Am 11.Dezember ging ich also, wieder einmal, ins Birdland. Am Programm stand die Bounenkai (忘年会), also die Jahresendfeier von „SCUM“ (スカム), einer lokalen Konzertcrew. Spielen sollten dann auch mehr oder weniger die üblichen Verdächtigen. Ich hatte die meisten Bands auf dem Flyer schon irgendwann mal gesehen und erwartete nichts Besonderes. Die übliche Sause halt, Eintritt war auch leistbar, also who cares.
Bis – ja bis ich mir dann doch die Mühe machte im Internet nachzurecherchieren und ich draufkam, dass sich neben all den harten hardcore-Jungs auch diese jungen Damen die Ehre geben werden.

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„Guso Drop“/偶想ドロップ heisst die Gruppe und sie machen Idol-Punk. „Idol“ ist ein eigenes Musikgenre mitsamt Subkultur in Japan. Dabei handelt es sich um junge Girliebands die kariesverursachende Songs über die erste große Liebe von sich geben – um es mal sehr, sehr platt zu sagen. In den letzten Jahren hat sich das Genre diversifiziert. Insbesondere durch die auch im Westen sehr bekannten Babymetal die angefangen haben Metal mit Idol-Pop zu mixen wurden neue Fangruppen erschlossen. So ist es heutzutage sowohl in Japan als auch im Westen keine Seltenheit mehr gestandene bärtige Metalkerle in ihren 40ern zu sehen, die mit tausenden anderen zu einer Gruppe junger Frauen/Mädchen abgehen zu sehen.

Guso Drop fallen aber nichtsdesdotrotz aus dem Rahmen. Vor allem deswegen, da es keine schlicht zusammengecastete Band ist wie etwa Babymetal. Die Mitglieder kommen alle aus der Punkszene, betreiben teilweise eigene DIY-Modelabels. Ebenfalls unterschiedlich von der üblichen Idol-Gruppen sind die Texte und die Auftrittsorte. Es wird zwar jetzt nicht groß gegen „das System“ gewettert, jedoch derbe Sprache benutzt und gegen Mainstream-Tussis gewettert. Und das meistens in den kaputtesten Punkrockschuppen Japans.

Ich war Anfangs ein wenig unsicher, ob ich denn wirklich zu diesem Konzert gehen soll. Wie wird denn sowas ankommen bei meinen Europäischen FreundInnen? Zu erzählen, dass man da als erwachsener Mann bei „so einem“ Konzert war? In Japan nichts groß ungewöhnliches, aber in Europa wird man da schon schnell mal schief angeschaut. Im Endeffekt hat aber glücklicherweise meine Neugier und mein inneres „Oida, Scheiss drauf!“ gewonnen. Und ich hatte einen der lustigsten Abende meines Lebens. Wirklich.
Das Publikum bestand fast durchwegs aus der lokalen Punk-Szene, abgesehen von den paar einsamen Salarymen (= japanische Lohnsklaven, die Jungs mit den Anzügen und Überstunden). Und es ging von der ersten Sekunde an ab wie Sau. Jeder schien die Texte zu kennen, die ersten 2 Reihen konnten auch die dazugehörigen Tanzmoves. Dann Circle-Pit, dann Moshen, dann Stagedeiving. Moral und Anstand, geh scheissen, das macht Spass!!
Da mein Handy nur ein Scheissmikro hat ist das Video auch beschissen geworden. Aus diesem Grund hier ein offizielles Video von Guso Drop das die Stimmung auf ihren Konzerten sehr gut einfängt. Und dann noch ein paar Bilder die ich selber geschossen habe.

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Nach dem Konzert gab’s noch, wie es sich für Idol-Konzerte gehört, eine Autogrammstunde. Das heisst, man zahlt etwa 1000 Yen (8 Euro) und kann sich per Polaroid mit einer, oder wenn man mehr zahlt auch mit meherren der Mädels ablichten lassen. Hab mich natürlich für Rei-chan, die Frontfrau entschieden. Kleine Plauderei gab’s auch.
„Kommst du aus Amerika?“ – „Neinein, aus Österreich, Wien.“ – „Aha. Das erste mal in Japan.“ – „Nö, das war letztes Jahr, hab da unter anderem Kochi besucht.“ – „Waas, wirklich? Ey, da kommen doch Disclose her!“

Idols die Discolse kennen, eine der wohl wichtigsten und einflussreichsten japanischen Underground-Punk-Bands. Ich glaub allein für diese Erfahrung hat sich’s gelohnt nach Japan zu ziehen.

Achja, übrigens, der restliche Abend war dann auch toll. Vor allem möchte ich ein grooooßes Lob an die Stoner-Punks von Oidaki aussprechen. Klasse show, mehr davon!!

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