„Die letzten Messungen…“

Obwohl die japanische Stadt Sendai nur um die 100 Kilometer vom Kernkraftwerk Fukushima entfernt liegt, werden die StudentInnen der größten Uni der Stadt nicht über die Gefahren der Atomkraft informiert. Stattdessen gibt es Fahrradsicherheitstips seitens der Polizei.

Vor einigen Wochen habe ich im Rahmen meines Japanologiestudiums in Wien, begonnen mein Auslandsjahr in der japanischen Großstadt Sendai anzutreten. Hier bin ich Student der Tohoku-Universität (東北大学), welche als eine der besten Universitäten des Landes gilt. Was auf Sendai jedoch noch zutrifft ist, dass es nur etwas mehr als 100 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt liegt. Jenem Kraftwerk also, in welchem es vor 5 Jahren nach dem von einem Erdbeben ausgelösten Tsunami zur Kernschmelze kam.
Bis heute leckt das schrottreife Kraftwerk vor sich hin und es ist schwer zu sagen, wie sehr die atomare Verseuchung des angrenzenden Pazifiks vorangeschritten ist. Mit Gewissheit waren es jedoch menschliches Versagen, Profitgier und der fehlende Respekt vor menschlichem Leben der zur Katastrophe führte. So warnten Techniker schon Jahre vor der Errichtung des Kraftwerks, dass es einem starken Tsunami oder Erdbeben nie und nimmer standhalten könnte.
Das Atomkraftwerk Fukushima wurde trotzdem gebaut. 150.000 Menschen verloren Haus und Hof und dürfen nie mehr zurückkehren. Wie viele an den Folgen der Strahlung noch erkranken und sterben werden, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Einige Tage nach dem Beginn meines Semesters hatten alle TeilnehmerInnen meines Austauschprogramms die erste Informationsveranstaltung. Formulare, How-To’s, Begrüßungen. Das Übliche also. Und mittendrin auch eine Warnung vor den in Japan häufigen Erdbeben, inklusive dem Hinweis, dass es eh bald ein Erdbebensicherheitstraining geben wird. Jedoch kein Wort, keine Silbe darüber, dass nur wenige Kilometer entfernt ein Kraftwerk seit Jahren für eine strahlende Zukunft der Region sorgt. Ich hob meine Hand und fragte die vortragende Professorin ganz direkt, wieso wir keine Infos über die Situation rund um das Kernkraftwerk bekommen.
Und dann? Stille im Saal. Hier und da ein stechender Blick von der Seite und ein „Pfft, Spielverderber“-Lachen. Die Professorin fing sich nach ein paar Sekunden und umschiffte die Frage grandios.
„Die letzten Messungen seitens der Regierung haben ergeben, dass Sie nichts zu befürchten haben.“
Nächste Frage bitte.

Die von der japanischen Regierung veröffentlichten Daten wichen, wenn sie denn überhaupt veröffentlicht wurden, stark von den Daten verschiedener NGOs ab. Und mit „Daten“ meine ich hier die Intensität der radioaktiven Strahlung. Irgendwann schien das nicht mehr ganz so gut zu gehen, also wurden die erlaubten Höchstwerte schlicht heraufgesetzt. Zumindest in den Wochen nach der Atomkatastrophen griffen milionen JapanerInnen auf ausländische bzw. alternative Informationsquellen zu. Aus gutem Grund.

Ein paar Tage später hatten wir die zweite große Einführungsveranstaltung. Diesmal mit wirklich allen neuen ausländischen StudentInnen und weitaus offiziöser. Vieles an den dargebotenen Infos war nützlich, einiges war zumindest für mich langweilig, aber ganz unwichtig war die Veranstaltung wirklich nicht. Auch als gegen Ende zwei PolizistInnen auf der großen Bühne das Wort ergriffen* und uns über die Gefahren von TrickbetrügerInnen und über die japanische Fahrradgesetzgebung aufklärten fühlte ich mich nur milde verarscht. Es waren nichtsdestotrotz nützliche Infos für die ich dankbar bin. Nur… Naja. Ich will’s nur mal ins rechte Licht rücken: Wenn knapp 15 Minuten lang über die Gefahr des Trickbetrugs und nochmal so lange darüber geredet wird, dass man nachts doch bitte ein Licht an seinem Bike befestigen sollte, dann sollte man angesichts dessen, dass nur 2 Autostunden entfernt eine der größten Naturkatastrophen der Geschichte noch immer Party feiert, zumindest stutzig werden.
Noch näher an Sendai als das Atomkraftwerk Fukushima liegt übrigens das Atomkraftwerk Onagawa. Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel darüber besteht größtenteils aus einer Auflistung von Störfällen.

Ach ja, und noch etwas. Heute haben wir in unserem Studiheim Helme bekommen. So zwecks Erdbebensicherheit und so. Eh super. Ich hab meinen trotzdem mit einer Aufschrift versehen. 原発要らない – Atomkraft, nein Danke!

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