Japan, gib mir Wifi, heast!!! Tag #5, Nagoya.

Nagoya. Industriestadt, Betonwüste und dementsprechende Hässligkeit. Darüber, wie unfrei in Japan „free WiFi“ doch ist, meine erste Begegnung mit japanischen Punks und Klischee-Gaijin.

Der Grund meiner Reise nach Nagoya war ein größeres Punkfestival, über das ich in den nächsten Posts dann mehr schreiben werde. Ich kam irgendwann am frühen Nachmittag in Nagoya an. Früh genug also, um meinen Couchsurfing-Host nochmal kontaktieren zu können bzw. auch noch einige andere Sachen im Internet zu checken. Japan, voll das technologisierte Land und so, gell, da muss es doch eh an jeder Ecke Internet geben, gell? Ah, und siehe da, irgendein Cafe/Restaurant mit fettem „Free Wifi“-Schriftzug auf der Tür. Na, gemma halt rein auf eine Cola, eine Jause und im Netz stöbern!

Drinnen wurde mir erst mal ungefragt die englische Speisekarte vorgesetzt. Wenn man nicht asiatisch ausschaut, passiert das einem in Japan eigentlich fast automatisch (im Fall, dass es denn überhaupt eine englische Speisekarte gibt). Angesichts der Horden an kein Wort sprechenden westlichen Touristen nicht verwunderlich, andererseits heisst aber nicht-asiatisch auszusehen noch lange nicht automatisch, dass man Englisch beherrscht. Andererseits tun sich Touristen aus Hongkong oder Singapur (wo Englisch Erst bzw. Zweitsprache ist) wohl schwer damit, dann doch die japanische Speisekarte vorgesetzt zu bekommen.
Aber egal, da ich mein Japanisch verbessern will, nahm ich dennoch die japanische Speisekarte zur Hand und bestellte mir eine Kleinigkeit. Ich war schließlich wegen dem Internet hergekommen, also schauma mal. Ah, da, das Beisl-Netzwerk! Ah, und jetzt so Geschäftsbedingungen und ja klicken und was weiss ich… Aha. Username und Passwort?
Oh, Waiter-san, wie ist denn das so mit der Usernamen und Passwort? Könnte ich vielleicht beides bekommen um mich einzuloggen?
Oh, werter Gast, wie meinen sie das denn?
Nun, schauen’s mal selber bitte…
Der Kellner schaut verwundert drein und hat keine Ahnung wie das ganze Zeug funktioniert. Die Anleitung steht doch eh auf dem einen Zettel der auf jedem Tisch ausliegt, also wo is das Probl…

Ok, ich mach’s kurz: Ich hätte mir zuerst einen Account zulegen müssen, mit diesem Account könnte ich dann das WiFi nutzen. Aber wie bitte soll ich mir einen Account zulegen, wenn ich keinen Internetzugang habe? Ich hab letztens ja schon letztens über die Selbstbezogenheit vieler JapanerInnen geschrieben. Genau so kam es mir jetzt auch vor: „Du kannst ja eh Zuhause am PC einen Account anlegen, kein Stress!! Oh, du wohnst nicht in Japan!? Was? Wie? Sowas gibt’s? Äääh, auf wiedersehen, ich kann ihnen nicht helfen mein Herr…“

Mit Hilfe von Jamal, einem ur-netten Kerl aus Uganda, der schon seit ein paar Jahren in Nagoya lebt, schaffte ich es dann in einem Elektronikladen doch noch ein paar Minütchen WiFi zu ergattern. Jamal erklärte mir, dass „dieses Land ein wahnsinniges Problem mit Spontanität hat. Kaum ist etwas nicht im Skript zu finden, wissen sich die Leute nicht mehr zu helfen. Wie das wohl enden wird…“ Wie dem auch sei, Japan ist, was den freien Internetzugang angeht, in den späten 90ern steckengeblieben. Sagen wir’s mal so: In Japan werden allen Ernstes noch Faxgeräte verwendet. In einem Land, das von einer Clique alter, der Yakuza und teilweise rechtsextremen Gruppen nahestehender Männer beherrscht wird, kein Wunder. Aber weiter im Text…

Leicht angepisst ob der Netzlosigkeit dieses Landes entschied ich mich zu Fuß zum Arbeitsplatz von Youji, meinem Couchsurfing-Host zu gehen. Auf dem Weg dahin machte ich im Shirakawa-Park vor dem Nagoya Science Museum halt. Was mir als erstes auffiel waren die Slumähnlichen Hütten zweier älterer, obdachloser Männer. Über Obdachlose in Japan werde ich im Laufe dieser Reise noch einiges mehr schreiben, deswegen hier nur mal ein Foto, das augenscheinlich mit einer Kartoffel aufgenommen wurde.

Im Park setzte ich mich mal hin und beobachtete eine Gruppe Jugendlicher die für irgendeinen Gruppentanz bzw. eine Aufführung trainierten. Sie tanzten zu ein paar Anime-Songs, was mich dann wieder froh machte, und hatten wahnsinnig viel Spaß :3
Und da ich mich auch vor dem Nagoya Science Museum befand, gabes einiges an technischen Sachen zu bestaunen.

Im Wasser treibend fand ich dann diesen toten Kerl. Eine Semi, eine japanische Zikade. Ich wusste, dass die Dinger recht groß sind, aber ALTER SCHWEDE!! Aber zumindest schauen sie unglaublich geil aus, wie kleine fliegende Todesmaschinen. Ich würd am liebsten mal eine ganze Bananenkiste voll mit diesen Jungs in einem piekfeinen Einkaufszentrum aufmachen und zuschauen was passiert :3

Als nächstes kam ich bei einem alten Schrein vorbei, wo einige ältere Semester Ikebana (= japanische Blumensteckkunst) machten. Ich fragte nach dem Weg und mein Gegenüber war so überrascht davon, dass ich mich auf Japanisch verständigen konnte, dass sie mich gleich mal zu einer Tasse Tee und etwas Süßem einlud. Die Gute erzählte mir davon, dass ihre Tochter derzeit in Düsseldorf lebt (das Zentrum der japanischen Diaspora in Europa) und wünschte mir noch alles gute für meinen Weg.

Weit hatte ich es ja nicht mehr nach Oosu, Nagoya’s Shoppingviertel für den/die NormalbürgerIn. Dort angekommen kan ich am „Banana Records“ vorbei, einem Plattenladen. Als ich reinkam spielte es gerade japanischen Mainstream-Rock aus den 70ern, eine Musikrichtung die ich sehr mag :3 Und wäre ich kein Rucksacktourist mit begrenztem Budget und keinem Platz um Platten zu verstauen, ich hätte mir sicherlich das ein oder andere Vinyschmankerl gegönnt. Ganz, ganz viel tolles japanisches Zeug gab es hier zu kaufen. Von Acid House aus den 80ern, über kratzige Enka-Platten aus den 60ern und Hipperock, J-Punk bis hin zu Animesongs auf Vinyl.

Weil ich noch etwa eine Stunde darauf warten musste, dass mein Couchsurfing-Host Feierabend hatte, lief ich also so durch Oosu. Imbissbuden, Boutiquen, Animeshops, Lebensmittel, Cafes – alles mögliche gab es hier, in der gewohnten japanischen Buntheit. Weil ich trotz allem kein Fan von Shopping und Einkaufsstraßen bin, war ich erstmal hocherfreut ein paar von oben bis unten Tätowierte und gepiercte Punks zu treffen. Die saßen da mit Bierdosen, Tschik (obwoh dort Rauchen verboten war :3) und scherten sich recht wenig darum, dass sie einige Vorbeigehende mit großen Augen anschauten. Ich gesellte mich dazu, wir rauchten zusammen eine und ich fragte sie, ob sie denn von dem Konzert wussten, wegen dem ich nach Nagoya gekommen bin. Die Crew beneinte meine Frage, kannte aber die meisten Bands die dort spielten und letztendlich schrieb ich einem der Jungs noch die Namen ein paar europäischer Punkbands auf. Das war’s, ich musste weiter, war aber so dermaßen froh Leute getroffen haben, die sich schon allein vom Look her in vom „typischen Japaner“ unterschieden. Ich fand das „Normale“ schon immer sterbenslangweilig und opressiv. Und in Japan versuchen viel zu viele Leute krampfhaft „normal“ zu sein…

Youji, mein Couchsurfing-Host war ein richtig netter Kerl. Er arbeitete in einem internationalen Lebensmittelgeschäft als Verkäufer und sprach neben Englisch noch ganz passables Deutsch. Wir unterhielten uns also in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Japanisch, was wirklich ganz gut hinhaute 🙂
Gleich nach der Arbeit sagte Youji, er würd gern auf ein, zwei, drei Drinks gehen und ich sagte zu. Warum denn nicht, gell? Youji schleppte mich also in eine recht teure Bar, in der es von Gaijin (= nicht-Japanern) nur so wimmelte. Auch viele JapanerInnen kamen hierher, da sie die Möglichkeit hatten Englisch zu reden. Ich unterhielt mich mit einem japanischen Studenten der in Nagoya eine internationale Uni besucht (mit Englisch als Unterrichtssprache). Mich irritierte sein klischeehaftes Ami-Gehabe, das voll war von „Oh yeah’s man“s und von „Oh yeah, that’s cool man!“s. Achja, natürlich trug er auch eine Sonnenbrille und tat umarmte die ganze Zeit irgendwelche Leute. Letzteres tun JapanerInnen (leider 🙁 ) nicht allzuoft, deswegen wirkte der Kerl auf mich wie eine überzeichnete Karikatur eines Amerikaners. Naja, hab ich halt auch eine Erfahrung mehr im Leben gemacht, dacht ich mir und lernte flugs darauf ein paar richtige Klischee-Nichtjapaner kennen. Also die Sorte, über die man in Japan gemeinhin so sagt, dass sie irgendwelche Englischlehrer sind bzw. wegen einer Japanerin nach Japan gekommen sind. Und, dass sie die Sprache nicht lernen und so gut wie nie mit anderen Japanern abhängen. Ähem, nun, so ziemlich alle Klischees trafen auf die nichtjapanischen Kerle zu, die ich in dieser Bar kennenlernen durfte. Tja, wenn ich daran denke, dass ich mir im Österreich mühsamst versuche die japanische Sprache anzueignen und dann Kerle sehe, die seit 20 Jahre dort wohnen und gerade ein paar Phrasen rausbringen, dann werde auch ich zum arroganten und raunzenden Arschloch. Wäre ich in dieser Hinsicht etwas gechillter, könnte ich sie auch einfach ihren Weg geheln lassen, aber ich bin als Kärntner Slowene in einer SEHR sprachgewussten Familie aufgewachsen, deswegen…

Anyway, das Englisch der meisten JapanerInnen ist auch eher… Naja, nicht existent. Ein sehr schönes Beispiel des „Engrish“ hab ich hier. Schon allein, weil es mit dem Stereotyp der japanischen Männer die benutzte Mädchenunterhosen kaufen spielt.

Ich trank mein zweites Bier zu Ende und es war Zeit zu gehen. Alles in Allem ein schöner Tag in Nagoya. Viel gesehen, viel geredet, viel erlebt. Kein Highlight, aber es müssen ja nicht immer die Rosinen im Kuchen sein. Der Spaß würde dann morgen losgehen, wenn das Punkfestival wegen dem ich gekommen bin, angefangen hat.

Hier noch ein paar random Bilder aus Nagoya.

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