Koenji. Meine erste Liebe in Japan.

Keonji U-Bahn-Station

Japan, Tag 3. Zuallererstmal schlief ich mich nach Jetlag und Tagen ohne guten Schlaf einmal so richtig, aber richtig lange aus. Ich ließ mir auch nach dem Aufstehen laaaange Zeit, las erstmal ein Buch, frühstückte laaaangsam und ausgiebig, schrieb in aller Ruhe diesen Blog und so weiter und so fort. Es war die Zeit für Reorganisation und Pause.

Ich entschloß mich, entgegen meinem eigentlichen Plan eine Ausstellung über den Anime-Klassiker „Gundam“ zu besuchen, meinen Tag heute in Koenji/高円寺 zu verbringen. Ich wollte mir den Besuch dieses Stadtviertels eigentlich wie das Marmeladestück im Krapfen „für später“ aufsparen, aber „was solls, gemma!“ dachte ich mir.
Von Koenji hatte ich durch mein allgemeines Interesse an Gegenkultur, alternativen Lebensformen und linker bzw. linksradikaler Politik schon gehört. Ich wusste, dass sich hier in den letzten Jahren einige linksalternative Läden, Bars und Initiativen eingenistet haben. Also mehr oder weniger das Zentrum Tokyos Gegenkultur und die Antithese zur in Japan weit verbreiteten politischen Apathie und Konsumgeilheit.

In Koenji angekommen, erwartete mich erstmal das übliche Bild. Eine unüberschaubare Menschenmenge, viele, viele verschiedene Läden und Leuchtreklamen. Tokyo halt. Was jedoch ziemlich schnell auffiel, war ein ganzer Haufen Leute, die irgendwie „anders“ ausschauten. Junge Punks, Hippies, Langhaarige und so weiter. Ich musste also auf der richtigen Spur sein :3
Je weiter ich nach Koenji vordrang, desto mehr wuchs mir der Bezirk ans Herz. Aufgeregt wie ein kleines Kind war ich zum Beispiel, als ich eine alternative Buchhandlung entdeckte. Hier hab es 2nd-hand Kram aus den Bereichen Philosophie, Politik, Belletristik, Sachbücher, underground-Mangas und auch solche die eher bekannt aber gut sind, obskuren Plunder, Photobände. Wäre mein Japanisch weitaus besser, ich könnte Stunden in dem Laden verbringen. Stattdessen aber kaufte ich mir einen Manga über die linksradikale, militante StudentInnenbewegung der 60er Jahre in Japan. Meine Idee ist es, den Manga ins Deutsche zu übersetzen. Zum einen, um mein japanisch Aufzubessern, zweitens weil eh kaum noch gute Mangas ins Deutsche übersetzt werden, fast nur Mainstream/Kommerz-Schmafu für Teenager.

Koenji ist übrigens auch nicht ganz so eine Betonwüste wie viele andere Teile Tokyos. Hier gibt es noch viele kleine Gassen in denen es noch grün ist. Die Häuser sind alt, und es gibt auch noch viele klitzekleine Izakaya (=Kneipen). Ebenfalls gibt es noch viele Häuser, die einen Garten vor der Haustür haben. Alles in allem kam mir die Gegend viel entspannter und gechillter vor, was wohl auch mit meinem gestrigen Besuch von Shibuya und Harajuku zu tun hatte…
Also bog ich da auf so eine größere Straße ein und landete zuallererstmal in einem Laden, der selbstgemachte bzw. 2nd-Hand Frauenmode verkaufte. Jedoch nicht irgendwelche Kleider, sondern eher so in Richtung Punk/Hippie/Alternative. Die zwei Verkäuferinnen drinnen unterhielten sich prächtig, lachten lauthals über die Erzählungen der jeweils anderen und auf meine Frage, ob es denn hier „nur Frauenkleider“ gab, gaben sie ganz enttäuscht ein „jaaa…“ von sich. Versteht mich nicht falsch, ich halte sehr wenig von der Unterscheidung in „Frauen und Männermode“ und ziehe meistens das an, was ich praktisch finde. Ab und zu sogar einen Rock, weil Röcke mordsbequem sind. Aber das Zeug hier war mir einfach um einige Nummern zu klein.
Was an dem Shop ebenfalls noch interessant war war die Tatsache, dass er nicht einmal versuchte glitzerglitzer-glänzend und hypermodern zu erscheinen. Rundherum war alles voller ganz toller Graffities, Sticker, es schaute ein wenig heruntergekommen aus und die Treppe zum Eingang krachte und knarzte, das es nur so eine Freude war. Was für einige Leute wohl „alt und Hässlich“ ist, erzählt für mich eine Geschichte die weitaus interessanter ist als jedes auf Hochglanz polierte „schöne“ und „saubere“ Plastikding.

Der Aufgang zum Shop

DIY-Dragonball-Kapperl :3

Gleich ums Eck gab’s dann einen Laden, der bunter nicht sein könnte. Voll mit 2nd-Hand und DIY-Klamotten der bunteren Art. Die Wände waren über und über mit Seiten aus alten Mangas tapeziert, es gab alten Retrokram und, naja, Sachen zum Lachen :3 Der Besitzer war ein Hippe in meinem Alter und zu Besuch war sein Kumpel, ein Kerl desses Outfit ein Konglomerat aus Buttons, quietschbuntem Wasauchimmer und noch mehr DIY-Whattefuck war. Ich rauchte mit den beiden vor dem Laden eine Zigarette und bekam auch eine Antwort darauf, wieso denn das Rauchen auf Tokyos Straßen sein ein paar Jahren verboten ist. Nun, die Idee der Regierung war es, dass es ja „gefährlich“ sein könnte mit einer Tschick in der Hand zu gehen, schließlich könnte man damit ja einem Kind in die Augen fahren. Ich dachte mir nur „naja, es wird auf der ganzen Welt im Gehen geraucht und nirgends gibt es deswegen lauter blinde und verletzte Kinder“. Ein kurzer Exkurs hierzu: In Japan sind Sachen schnell „gefährlich“ und man „soll aufpassen“. Überall gibt es „ACHTUNG!“-Schilder. Hier wurde mir glasklar, dass das wohl weniger dem Abwenden tatsächlicher Gefahren dient, als vielmehr Kontrolle über die eigene Bevölkerung zu haben. Doch dazu mehr in einem späteren Posting…
Jedenfalls ging ich die Straße weiter entlang, kam zu einem Trödlerladen und auf einmal traf mich fast der Schlag. Ich sah das hier.

Es ist ein Plakat des anarchistischen Wohn und Kulturprojektes „Köpi“ in Berlin. Vor ein paar Jahren, als ich als junger Autonomer noch am aktivsten war, hing dieses Plakat in so ziemlich jeder linken Kneipe im deutschsprachigen Raum, bzw. in Europa. Die „Köpi“ war von einer polizeilichen Räumung bedroht und mit dem Plakat wurde halt Stimmung für die Verteidigung des Projektes gemacht. „Was zum Teufel? Die Köpi in Tokyo!?“ dachte ich mir, drehte mich um und sah im zweiten Teil des Trödlerladens dieses nette Plakat.

Antifa Area :3

Überhaupt war der Laden voll mit politischen Stickern und ich kam dazu, mit Ona, dem Besitzer zu sprechen. Er hatte das Plakat aus der Köpi, als er mit einer befreundeten Punkband mal dort war. Well, die Band hat gespielt und Ona war halt mit auf Tour :3 Außerdem betreibt der gute ums Eck gleich ein Hostel, in welchem in ein paar Wochen definitiv 1-2 Nächte übernachten werde.
Ich wollte gerne noch weiter mit Ona und der netten Verkäuferin reden, aber mein Japanisch reichte dazu leider nicht wirklich aus. Also schlenderte ich weiter durch Koenji umher und stieß zufällig auf einen Platz, der mir schon vorher bekannt war. Die 何とか/Nantoka-Bar, was auf Deutsch etwa „Irgendwas-Bar“ bedeutet. Ich kannte dieses superkleine Hütterl schon aus meinen Recherchen zu japanischer Gegenkultur und Sozialprotesten.

Nantoka Bar

Hinter der Theke arbeiteten Ayano und Koukai. Ich erzählte ihnen davon, dass ich die Bar kenne und sie waren klarerweise sehr erstaunt darüber. Beide waren total nett, zuvorkommen und Koukai und leider, da mein Japanisch immer noch Scheisse ist, konnten wir nur sehr sehr grundlegende Dinge bereden. Ich hätte jedoch so, so, so viele Fragen gehabt…
Anyway, Koukai ist Musiker und hat, soweit ich es mitbekommen habe, auf allzu arge Lohnarbeitssklaverei geschissen, um sich eben ganz der Musik zu widmen. Ich hab auch ein Plakat für eines seiner Konzerte bekommen, werde an dem Tag jedoch nicht in Tokyo sein. Achja, und fast hätte ich es vergessen: Koukai gab mir sogar eine CD mit seinen Songs!
Hier jedenfalls das erwähnte Plakat. „Yowamushi Kakumei“ (弱虫革命) heisst auf Japanisch übrigens „Schwächlingsrevolution“. Ich würde zwar nicht sagen, dass Koukai ein Schwächling ist, dafür aber ein ultra-süßer, zuvorkommender Typ, kein Rabauke :3

Yowamushi Kakumei

Ich fragte die nette Ayano, ob sie denn weiss, ob denn heute in Koenji auch ein Konzert stattfindet. Und gleich ums Eck, im sogenannten Penguin House fand doch echt ein Konzi statt und Koukai war so nett mich schnell persönlich hinzubringen. Wir unterhielten uns noch darüber, dass ich vorhabe nach Shikoku ans Meer zu fahren, worauf er mir sagte, dass es vor kurzem eine Moped-Rundfahrt durch diese kleinste der vier japanischen Hauptinseln gemacht hat.

Im Penguin House angekommen, empfing mich gleich mal ein netter junger Mann. Er war ein Freund von Ayano, weswegen er mich schon erwartete. Doch zuerst einmal hieß es still sein. Eine Pianistin spielte ein Konzert und sang auch dazu. Es war wirklich, wirklich, wirklich toll, was sie da von sich gab, ich war ganz gerührt.

Pianistin im Penguin House

Nach dem Pianokonzert gingen auch die Lichter wieder an und ich hatte Gelegenheit, mir die Location anzuschauen. Das Penguin House ist klein, sehr klein. Wenn 30 Leute da sind, ist die Bude schon gerammelt voll :3 Aber genau das machte den Charme aus. Das licht war gedimmt, an den Wänden hingen irgendwelche Bilder, mich jedoch interessierten eher die Menschen. Es waren vor allem junge Punks, Hippies und sonstige alternative Leute da. Die Atmosphäre war, im Gegensatz zum oft künstlich steifen Gehabe in Japan sehr entspannt, die meisten Leute kannten sich und quatschten mir nix dir nix drauflos.
Auf der Theke schaute ich mir die Flyer an, und siehe da: Neben Konzertflyer gab es auch einige linke, politische Flyer, zum Beispiel Demoaufrufe. Da ich selber ein politisch denkender Mensch bin und Apathie und Teilnahmslosigkeit nicht ausstehen kann, verliebte ich mich spätestens an diesem Zeitpunkt in Koenji.

Der rest des Abends war auch noch sehr okay. Eine Bluesrock-Band fidelte was das Zeug hält und als die letzten beiden stiegen noch Ayanos zwei Freunde die mich empfingen auf die Bühne, Verkleidet als ライオンさんと宇宙人/Lion-san to Uchuujin/Herr Löwe und der Ausserirdische. Der Löwe spielte den Kontrabass und der Ausserirdische sang und griff ab und zu mal zur Gitarre. Danach musste ich leider schon gehen, weil Tokyo aus verschiedensten Gründen (von denen sehr viele einfach nur dumm sind) keine Nachtubahnen bzw. nächtliche Öffis anbietet.

Koenji, ich mag dich. Ich mag dich, weil du viel mehr bist als nur eine Ansammlung von Kaufhäusern und Bars. Ich mag dich, weil du ein Refugium für all jene bist, die das japanische „Rat Race“ scheisse finden und weil du ein Platz für kritische, alternative Kultur und tolle Musik bist.
Wir sehen uns wieder, ganz fest versprochen. Bussi.

Uchuujin und Lion-san
Uchuujin und Lion-san
Lebensmittelmarkt in Koenji
Lebensmittelmarkt in Koenji
Katzenshop. Miau :3
Katzenshop. Miau :3
Die Auslage des Katzenshops :3
Die Auslage des Katzenshops :3
Viele enge Gassen gibt es in Koenji
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Fahrräder abstellen verboten, lol.
Fahrräder abstellen verboten, lol.
Noch mehr Koenji :3
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