Tokyo Touri Tour

An meinem zweiten Tag in Tokyo hieß es, schon früh aufzustehen. Über Couchsurfing („Lieber Gott, mach dass Couchsurfing nie mehr weggeht“) verabredete ich mich mit Kaito, einem in Tokyo lebenden Japaner, der drei Jahre in Kanada gelebt hat. Dadurch, dass er deswegen perfekt Englisch spricht ist er ein beliebter Anlaufpunkt für ausländische Couchsurfer. Ich traf mich also um 10 Uhr früh in Shinagawa (wiederum: ein Stadtviertel) und war gespannt, was Kaito so vor hatte.
Nach einem ausgiebigen Frühstück schlug er vor, doch einfach mal nach Shibuya zu fahren, das hippe Jugendviertel der Stadt. „Passt, machma!“ sagte ich und zack, fuhren wir los.

Wie Shibuya so ist? Laut. Oida, LAUT! Überall klingen Werbungen aus den Lautsprechern, an allen Ecken und Enden gibt’s Leuchtreklamen die die die neuesten und angeblich supertollsten Produkte japanischer Mainstream-Jugendkultur anpreisen. Sei dies nun die neueste Idol-Band (= Girlband), der neueste Anime oder das neueste Videospiel. Werbung, Werbung und nochmals Werbung an allen Ecken und enden. Wo geworben wird, wird bekanntlich auch verkauft, und wo verkauft wird, wird bekanntlich auch gekauft. In diesem Sinne ist Shibuya ein einziges Shopping-Wonderland. Doch bevor mich Kaito durch die Untiefen der Shibuyaschen Läden führte, machten wir noch einen Stop bei zwei der wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten Tokyos.
Zum einen war das die Statue des Hundes Hachiko. Ja, genau jener Hachiko, den man auch durch den US-Film mit George Clooney (? war doch mit dem oder?) und unzählige andere Adaptionen kennt. Irgendwas mit einem Hund, der auf der immergleichen Stelle auf sein totes Herrechen wartet. Vermarktbare Hunderl&Katzerl-Romantik, whatever. Natürlich machte ich trotzdem ein Foto mit der Blechtöle. Wennma schon da sind… :3

Hachiko und ich

Gleich neben dem „oooh, so süüüß, ein Hund“ ist die zentrale Kreuzung in Shibuya. Wenn die Ampel auf grün springt, strömen anscheinend von allen Seiten FußgängerInnen über die Straße, kreuz und quer. Oftmals wird das ganze als Meisterstück japanischer Planungskunst beschrieben, jedoch war ich wenig bis gar nicht beeindruckt. Zum einen habe ich schon weit größere Kreuzungen gesehen, zum anderen zeigt sich hier meiner Meinung nach wieder mal der oftmals verquere und selbstbezogene Blick der JapanerInnen aufs eigene Land. Um’s kurz zu machen: Es ist eine beschissene Kreuzung in einer Großstadt. Sie ist nicht „woaaah, toll“, sondern vergleichbar mit hunderten anderen Kreuzungen in dutzenden anderen Großstädten. Nur, weil die meisten JapanerInnen die weite Welt da draußen kaum kennen (Stichwort isoliertes Land etc.) und deswegen glauben etwas Einmaliges geschaffen zu haben, heißt das nicht, dass es auch wirklich etwas Einmaliges ist. Punkt.

Shibuya-Kreuzung

Nach diesem kleinen Abstecher zu übervermarkteten Hundestatuen und, ähem, Kreuzungen ging’s dann rein ins Shibuyasche treiben. Was ich vom Viertel sah, waren vor allem Kaufhäuser und Shops.

Shops für Markenkleidung.
Shops für J-Pop.
Shops für Anime.
Shops für Videospiele.
Shops für Krimskrams.
Shops für Setzeinwasdirsoeinfällt.

Und natürlich tausende junge Leute, die wie Wild den ganzen Plastikkram kauften, der einem da extremst überteuert angeboten wurde. Well, abgesehen von ein paar interessanten Büchern und Mangas, gab es nichts, was mich auch nur annähernd interessierte. Wenn ich etwas kaufe, dann nur, wenn ich es haben will. Hier hatte ich den Eindruck, dass man des Scheiss kaufte, weil es sonst nichts zu tun gab. Denn – kann man in Shibuya irgendwo auf einem öffentlichen Platz Basketball spielen? Nein. Kann man in Shibuya gemütlich auf einem Parkbankerl sitzen und mit Freunden den Tag genießen? Nein? Kann man in Shibuya skaten? Nein. Kann man in Shibuya StraßenmusikerInnen lauschen bzw. selber Straßenmusik machen? Nein.
Aber man kann kaufen, kaufen, kaufen. Aha.

Shits and tits. Zum kaufen.

Nun, was jetzt klingt wie eine überdimensionierte Einkaufsstraße ist weitaus mehr. Soweit ich es mitbekommen habe, geht man nicht einfach nur nach Shibuya um etwas zu kaufen, dann vielleicht noch was Essen und dann heim. Nö. Shibuya ist eine eigene Subkultur, dort unterwegs zu sein ist ein richtiges Event, man hängt dort so richtig ab mit seinen Kumpels und Kumpelinen. Und wenn man schon nicht richtig Basketball spielen kann, geht man halt in eine der unzähligen Spielhallen und verprasst sein Geld dafür, Knöpfchen zu drücken und stundenlang auf Bildschirme zu starren. Wer sich all das nicht leisten kann, ist halt nicht cool oder wasweißich. Keine Ahnung, die meisten Leute waren mindestens 10 Jahre jünger als ich und ja, es war interessant das ganze mal gesehen zu haben aber ehrlich gesagt kann ich mir schöneres vorstellen als aus Spaß an der Freude mein Geld für sinnlosen Plastikscheiss auszugeben.

Shibuya

Kaito hatte einen Affenzahn drauf und wollte mir so viel wie möglich zeigen. Vor allem die ganzen kommerz-subkulturellen Anlaufpunkte hatten es ihm anscheinend angetan. Also passt, gemma Takeshita Street in Harajuku (und wieder: ein Stadtviertel!) schauen. Was das sein soll? Nun, eine Einkaufsstraße voll mit Shops für diverse Jugendsubkulturen, die in Europa kaum bis wenig bekannt sind. Gothic Lolita-Mode gefälligst? Check! Visual-Kei Accssoirs? Check! Oshare-Kei Röcke? Check? Cosplay-Perücken? Check. Dementsprechend wird die Takeshita-street auch hauptsächlich von Teenager-Mädchen bevölkert, welche sich dort treffen, durch die Shops pilgern, hie und da was kaufen und sich selber zur Schau stellen.

Soo viele Leute!

kawaii yo

So lustig, neu und aufregend all dies war, fand ich es im Endeffekt dann doch eher ernüchternd. Ist denn Konsum wirklich so eine wichtige Konstante, die anscheinend zehn, wenn nicht hunderttausende japanische Jugendliche zusammenhält? Nicht, dass ich jetzt den großen DIY/Gegenkultur-Apostel spielen will, aber eine kreative, sich selbst ausdrückende Jugendkultur war das nicht, auch wenn jetzt alles voll auf Gothic und Punkig und wasweißich getrimmt wurde. Wenn’s den ganzen Scheiss nicht zu kaufen gäbe, würde diese Subkultur schlicht verschwinden, weil sie ihre Existenzgrundlage einzig und allein in den Einkaufsregalen zu haben scheint.
Eine Anekdote dazu gefällig? Nun, es verschlug uns irgendwie in einen angeblich ulltra-hippen Punkrock-Laden, dessen Besitzer der Kostümdesigner der japanischen Metal/Rock-Legenden „X Japan“ ist. Dutzende international bekannte Bands haben auf den Wänden des Ladens ihre Unterschrift hinterlassen. Voll Punk und so, pff. Ich war recht begeistert über die ganzen Überschriften, eine angestellte merkte es und schwupps fragte sie mich, ob ich, als alter Punkrock-Haudegen (naja…) denn nicht etwas kaufen wolle. Ich musste lachen. Nicht nur, weil die Preise unpackbar hoch waren, sondern auch weil ich nichts von Punkrock aus dem und für den Supermarkt halte.

Was ich als käsiger, weißer Europäer dann aber interessant fand, war die Präsenz von westlichen CosplayerInnen und AnhängerInnen ähnlicher, schon oben aufgezählter japanischer Subkulturen. Die meisten nicht-Japan-affinen LeserInnen dieses Blogs kennen wohl die Situation, dass wenn beispielsweise eine Anime-Convention in der Stadt stattfindet, auf einmal urviele so komisch und lustig verkleidete junge Leute herumlaufen. Oder, erinnert ihr euch an die paar Anime bzw. Japanfreaks aus eurer Schule und wie die immer so komische Musik hörten und immer so komisch angezogen waren und ganz eigene Ausdrücke verwendeten?? Vielleicht habt ihr euch immer gefragt, woher die ihre Ideen nehmen, ganz sicher habt ihr euch aber zumindest einmal gedacht, was das denn für Trotteln sind.
Nun, in Harajuku hat diese Spezies ihr natürliches Habitat. Kurz gesagt: Ihr verarscht Reggae-Fans auch nicht deswegen, weil sie Jamaica-affin sind, also tut das bitte auch nicht mit all den jungen Weaboos. Die schwimmen in Harajuku nämlich wie ein Fisch im Wasser, während ihr euch wundert, wo ihr da gelandet seid und verzweifelt nach einer Erklärung sucht.
Weiter ging es dann in den Yoyogi Park, einer der größten Parks Tokyos. Heißen tut das jetzt nicht viel. Er ist zwar groß, aber im Vergleich zur unpackbaren Größe Tokyos dann doch recht überschaubar. Die japanische Regierung und ihre HelfershelferInnen fanden es in den letzten Jahrzehnten eben toll, die meisten Grünflächen zuzubetonieren.
Anyway, der Yoyogi-Park war toll. Alte schreine, viele Bäume und vor allem: Ruhe. Ruhe, Ruhe, Ruhe. Etwas, was in Tokyo, wo es überall blitzt, klingelt und krawummt, eine Seltenheit ist. Mit Kaito verbrachten wir etwa 2 Stunden dort, machten es uns auf einer Wiese bequem und palaverten über Gott und die Welt.

Yoyogi Park

Kaito

Ich fuhr danach alleine nach Akihabara, um mir eine gescheite Digitalkamera zu kaufen. Akihabara ist das Stadtviertel der Nerds, der Otakus. Hier gibt es alles zu kaufen, was das Otaku-Herz begehrt. Von Animes, über Technik bis hin zu Mangas, Pornos, Cosplay-Zeug und so weiter und so fort. Allzuviel kann ich nicht erzählen, da ich nur wenig Zeit hatte und mir, nachdem ich mir die Kamera gekauft hatte nur noch Zeit für den Besuch von etwa 2 Shops blieb. Der eine war ein stinknormaler Animeladen mit, naja, Anime-Merch. Der andere war ein gefühlt 42stöckiger Pornoschuppen mit fast ausnahmslos japanischen Porno-DVDs. Und nein, bevor jetzt wer fragt, ich hab mir dort nix gekauft. Aber treu nach dem Motto „man muss alles im Leben mal gesehen/getan haben“ stürzte ich mich halt rein. (und ganz ehrlich, auch wenn ich was gekauft hätte, so what?)

Zurück in Shinagawa (jepp, Stadtviertel!) traf ich mich wieder mit Kaito und zwei Couchsurferinnen, die der gute zum abendlichen Umtrunk eingeladen hatte. Beide verschlug es eher zufällig nach Tokyo und ich sah, wie sehr sich unsere Vorstellungen von einem interessanten Urlaub unterschieden. Auf der einen Seite zwei recht wohlhabende junge Frauen aus Deutschland bzw. Kolumbien, die im feinen Zwirn dasaßen und sich die volle Touri-Ladung gaben: Sehenswürdigkeiten, gutes Essen, Touristenführungen und so weiter und so fort.
Und dann ich, der Japanologiestudent und ehemalige Anarcho-Steineschmeißer, der nach Japan gekommen ist, um auch die andere, nicht touristische Seite Japans zu sehen. Dementsprechend mühsam war es für mich, Kaitos Erklärungen zu „typical japanese things“ zu lauschen und dementsprechend mühsam muss es wohl auch für meine GesprächspartnerInnen gewesen sein, meinem nicht ganz so übermotivierten Politsprech zu lauschen. Man will sich ja nicht der Urlaub in „such a wonderful Country“ durch ein paar Tatsachen wie Polizeibrutalität und Überstundenterror vermiesen lassen.

Irgendwann ging es dann Richtung Chofu, dem Bezrik wo ich meine Bleibe hatte. Ich mag Chofu. Es ist kleiner, überschaubarer und grüner als die tokyoter Innenstadt. Den ganzen „Welcome to Japan and have a good time :DD“-Krimskrams wollte ich eher hinter mich lassen und es verschlug mich in eine random bar, weil ich gedacht habe ich sterbe, wenn ich nicht gleich ein Klo finde. Ich kam mit ein paar Leuten in meinem Alter ins Gespräch (halb Englisch, halb Japanisch. Funktionierte sogar ganz gut). Wir sprachen über Musik, über Festivals, über die japanische Arbeitskultur, über die Liebe, über das Kiffen, über Bier und über Spaß und über Hass. Für mich alles Sachen, die viel interessanter sind als Shoppen, Sehenswürdigkeiten und „welcome to Japan :DD“.

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